Mittwoch, 13. Januar 2010

Artenschwund und Artenschutz

Das teure Sterben der Tiere und Pflanzen

Die Zerstörung von Lebensräumen, Tieren und Pflanzen könnte nicht absehbare Folgen für die menschliche Existenz haben. Nur gesunde Ökosysteme produzieren ausreichend nutzbare Roh-
stoffe, der Mensch verliert Nahrungslieferanten, die Medizin pharmazeutisch wirksame Stoffe.


Bis 2010 sollte das rapide, weltweite Sterben der Arten deutlich gebremst werden. So lautet das ehrgeizige Ziel, dem sich fast 200 Staaten seit dem Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro verpflichtet haben. Ob diese Maßnahme zum Schutz der Biodiversität gegriffen hat, werden wir erfahren - im Jahr der Artenvielfalt.

Die Vereinten Nationen haben 2010 als Internationales Jahr der biologischen Vielfalt ausgerufen. Diese Proklamation dient dazu, das Thema biologische Vielfalt mit seinen vielen Facetten weltweit stärker ins das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Das ganze Jahr über werden zahlreiche internationale, nationale und lokale Veranstaltungen zu diesem Thema stattfinden.


Anhaltender Verlust der biologischen Vielfalt
Zurzeit schwindet die biologische Vielfalt weltweit in einer Geschwin-
digkeit, wie sie in der Geschichte vorher nicht beobachtet wurde. Die aktuelle Rate des globalen Artensterbens übersteigt die angenommene natürliche Aussterberate um das 100- bis 1.000-fache. Nach Daten der Weltnaturschutzorganisation IUCN sind derzeit weltweit mehr als 16.000 Arten vom Aussterben bedroht, darunter etwa ein Viertel aller Säugetiere, ein Drittel aller Amphibienarten und 12 Prozent der Vogelarten.
Bei den Ökosystemen zeigt sich ein ähnliches Bild: jährlich wird eine Waldfläche von 13 Millionen Hektar zerstört. Karibische Korallenriffe sind bereits zu 80 Prozent zerstört, 35 Prozent aller Mangroven wurden innerhalb der letzten 20 Jahre vernichtet.
Deutschland stellt keine Ausnahme dar, um unsere heimische Natur ist es nicht gut bestellt: Laut der in 2009 veröffentlichten Neufassung der Roten Liste der gefährdeten Biotoptypen gelten 72 Prozent aller Lebensraumtypen als gefährdet oder sogar als akut von Vernichtung bedroht. Von den einheimischen Tierarten Deutschlands sind 35 Prozent, von den Pflanzenarten 26 Prozent bestandsgefährdet. Einen Überblick über die Gefährdung von Arten und Lebensräumen in Deutschland liefern die nationalen Roten Listen gefährdeter Arten, Pflanzengesellschaften bzw. Biotope; einen weltweiten Überblick geben die Roten Listen von IUCN.

Ursachen des Biodiversitätsverlusts
Der Mensch - entweder direkt oder indirekt - ist der Hauptverursacher dieses Rückgangs der biologischen Vielfalt. Alle drei Bestandteile der biologischen Vielfalt sind bedroht:

Die Artenvielfalt ist insbesondere durch die direkte Übernutzung von Arten, z.B. die Überfischung von Meeresfischen wie Kabeljau, Schellfisch oder Heilbutt, und durch Lebensraumverlust bedroht. So findet sich auch der Eisbär auf der IUCN Liste der bedrohten Arten - sein Lebensraum, das Eis, schmilzt ihm unter den Pfoten weg. Noch leben weltweit etwa 20 000 bis 25 000 Eisbären. Aufgrund der zahlreichen Bedrohungen allerdings werde dieser Bestand in den nächsten 45 Jahren um 30 bis 50 Prozent zurückgehen, fürchten Experten. Räumliche Ausweichmöglichkeiten gibt es für den Eisbär
als Kältespezialisten nicht.

Die Lebensraumvielfalt ist vor allem bedroht durch Bebauung, Zerschneidung und Zerstörung natürlicher Landschaften (u. a. Siedlung/Verkehr, Abgrabungen), Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft (Umwandlung von Naturflächen in Acker- und Weide-
land, Pestizideinsatz, Düngung, Strukturverarmung, Entwässerung etc.), Wasserbau (Begradigung von Fließgewässern), durch Natur-
katastrophen, Eintrag von Schad- und Nährstoffen in Luft, Meere, Flüsse und Böden und den Klimawandel.

Der Klimawandel hat bereits jetzt dramatische Auswirkungen auf die biologische Vielfalt. Die Erderwärmung beeinträchtigt insbesondere ökologisch sensible Ökosysteme, wie beispielsweise Korallenriffe, Hochgebirge und die Polarzonen. Ganze Regionen und ihre Lebens-
räume – etwa der brasilianische Amazonasregenwald - drohen zu vertrocknen. Der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimafragen IPCC prognostiziert bis Ende dieses Jahrhunderts den Verlust eines Drittels aller heute lebenden Arten.

Die genetische Vielfalt ist bedroht durch Einengung des Spektrums genutzter Arten, Rassen und Sorten in der Landwirtschaft. Beim Reis werden beispielsweise nur zwei Arten weltweit kultiviert. Dabei kann genetische Vielfalt das Überleben von Arten sichern. In den 70er Jahren vernichtete ein aggressives Virus Reisfelder von Indien bis Indonesien, worauf über sechstausend Reissorten auf ihre Resistenz gegen das Virus getestet wurden. Ergebnis: Nur eine einzige Sorte besaß Gene, die sie gegen die Krankheit resistent machten. Diese Sorte konnte dann weitergezüchtet werden und sicherte zukünftige Ernten und die Ernährung von vielen Millionen Menschen.

Auswirkungen des Biodiversitätsverlusts

Der Verlust an biologischer Vielfalt hat vielfältige und folgenschwere Auswirkungen. Die verschiedenen Arten innerhalb eines Ökosystems stehen in vielfältigen Wechselbeziehungen miteinander und damit auch in Abhängigkeit voneinander. Lebewesen einer Art üben positiven (Bsp. Symbiosen) und negativen (Bsp. Räuber-Beute-Beziehung) Einfluss auf Lebewesen einer anderen Art aus. Über solche Beziehungen werden Populationsgrößen und -dichten geregelt. Den Verlust einzelner Arten kann ein System verkraften; hält jedoch das Artensterben an, wird das Gefüge zunehmend destabilisiert und kann irgendwann ganz auseinander brechen.





Storcheneltern mit ihrem Nachwuchs
Foto: NABU/S. Zibolsky;



Der Verlust an biologischer Vielfalt ist aber nicht nur aufgrund des Eigenwertes der Natur besorgniserregend. Denn die biologische Vielfalt ist die "Datenbank der Natur", Rohstoffbasis einer wachsenden Welt-
bevölkerung und Lebensversicherung vor allem für die Menschen in armen Ländern, kurz: sie sorgt für die Grundlagen unserer Existenz. Die Natur liefert Nahrung, sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Brenn-
stoffe und Medikamente. Insekten sichern unsere Ernten, indem sie Obst- und Gemüsepflanzen bestäuben. Wälder schützen uns vor Überschwemmungen, speichern große Mengen Kohlendioxid und wirken damit gegen den Klimawandel. Die Palette der Leistungen der Natur ist so vielfältig wie die Natur selbst.

Zerstören wir die biologische Vielfalt, vernichten wir damit unsere Lebensgrundlagen und berauben uns und künftige Generationen wichtiger Entwicklungsmöglichkeiten. Das Bundesumweltministerium setzt sich daher mit aller Kraft dafür ein, den Schutz der biologischen Vielfalt weltweit entscheidend voranzubringen und das UN-Übereinkommen über die biologische Vielfalt umzusetzen.


Quelle:
http://www.bmu.de/naturschutz/biologische/vielfalt/aktuell/1738.php
http://www.nabu.de/presse/fotos/

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